FILM-ROCKER KLAUS LEMKE VERZAUBERT DIE MAXVORSTADT

Geht unbeirrt seinen Weg, dreht Filme wie junge Regisseure, die aber immer auf die alten schauen: Klaus Lemke, der King of Schwabing.
Geht unbeirrt seinen Weg, dreht Filme wie junge Regisseure, die aber immer auf die alten schauen: Klaus Lemke, der King of Schwabing.

MÜNCHEN - Das wichtigste Requisit des Films trägt der Regisseur selbst. Ein Baseball-Käppi mit der gestickten Aufschrift „New Gods“. Die Kopfbedeckung hat Klaus Lemke, der unverbiegsame Filmrocker, tief ins Gesicht gezogen, sodass man gar nicht seine neugierigen Augen sieht, und er blickt grimmig drein wie einst Clint Eastwood in „Django“. Der Filmemacher mit dem Markenzeichen „König von Schwabing“ ist überraschend, fast elegant gekleidet mit einer dunklen Konfektions-Kombination wie zu einem Vorstellungstermin, deren Hosen mit frisch gebügelten Falten ins Auge stechen. Krawattenlos steht er im Halbdunkel gegenüber der „Astor Film Lounge“, dem nagelneuen Luxus-Kino im Arri in der Türkenstraße, murmelt Namen und gräbt in einem großen Kuvert nach Papierblättern.

Zur mitternächtlichen Weltpremiere seines Streifens „Neue Götter in der Maxvorstadt“ verteilt KL, die gleichen Initialien wie Karl Lagerfeld, am Eck der Kunstakademie höchstpersönlich Freikarten, die ungewöhnlich auf Din-A- 4-Format gedruckt sind mit einem Scannerfeld, das später der Kontrolleur am Eingang abscannt. Viele prominente Gesichter werden nicht gesehen. „Megaherz“-Produzent Fidelis Mager, in dessen Ismaniger Hauptquartier Lemke seine Filme schneidet, nimmt sich Zeit. Pfarrer-Serienstar Peter Rappenglück. in Garmisch wohnhaft, bleibt verschwunden, hat wohl den Zug verpasst. Klaus Lemkes harter, lebhafter Fan-Kern, darunter DJ-Maler Theo Crash, hat sich versammelt, Facebook-Rebellen und Influence-Träumer. Die Maxvorstädter, die ein Leben lang unter dem Schönheitsfehler leiden, dass sie nicht Schwabing atmen, sondern „nur“ wie Lemke seit 40 Jahren, mit der Münchner Maxvorstadt Vorlieb nehmen müssen, inklusive Siegestor. Sie wollen ihren neuen „Heimatfilm“ rund um die Amalien- und Türkenstraße , am Eisbach sowie Künstler Wolfgang Flatz's Skulpturen-Dachterrasse in Sendling sehen. In der Amalienstraße hat Lemke 40 Monde in einem groben Beton-Wohnblock gelebt in einer nüchternen 40-Quadratmeter-Wohnung, die seine Seele nicht widerspiegelt oder wohl doch. Die Bleibe ohne TV, die vielleicht einst Silvie Winter, Iris Gras oder Iris Berben von innen gesehen haben, musste er jetzt wegen Eigenbedarf des Wohnungsbesitzers räumen.

Aber wieder ist der Zelluloid-King, der Rebell gegen eingefahrene Strukturen im deutschen Filmgeschäft,  nicht in Schwabing gelandet, doch wenigstens in der Ohmstraße, wo mal Edelfeder Patrick Süßkind, Tony-Curtis-Ehefrau Christine Kaufmann oder die gerade in die andere Welt gegangene Hannelore Elsner zu finden waren, an der mauerlosen Grenze zwischen Wahnmoching und Vorstadt. Das Paradiso Schwabing beginnt erst ab der Georgenstraße, wo einst das „Cafe Extrablatt“ stand, seiner Frühstücksadresse, die auch Rainer Werner Fassbinder aufsuchte, aber erst am späteren Nachmittag. Klaus will sich mit dem Tapetenwechsel nicht abfinden, will wieder zurück, wo er sein Leben bisher lebte. Seine Juristen wollen dem vertriebenen „Inventar“ den Lebenswunsch erfüllen.

„Herr Lemke, kommen Sie endlich herein, wir müssen anfangen“, ruft ein Herr am Eingang und schnell füllt sich das schicke Kino bis auf den letzten Platz. Sein Kameramann Paulo d Silva hat die Maxvorstadt fotogen geschönt und rasch eingefangen, darunter auch prasselnde Regenbilder, die Lemkes neue Stamm-Hauptdarstellerin Judith Paus umrahmen, und Obdachlos-Bewohner (einer kann bei der Premiere nicht dabei sein, weil er staatliche Fürsorge geniessen muss) zeigen, wie raffiniert in der Maxvorstadt in Toiletten übernachtet werden kann. Die Musik ( Malakow Kowalski, Jonas Imbery, Don Cherry) ist neben der exzellten Optik der Film wert. Die blonde Amazone Paus soll wohl eine von Lemke erhobene Göttin sein, die in ihrem dritten Film mit KL jetzt professionell spielt und das amateurhafte, bisher reizvolle Eigen-Ich eines Girlies in der Garderobe gelassen hat. Sexy jagt sie durch die Maxvorstadt nach einer Story, die ich bisher nicht gefunden habe. Mutig tritt Lemke schließlich selbst im Film auf und erklärt wie in einer Regiebesprechung, dass er leider den Bösewicht in diesem Streifen nicht präsentieren kann, weil er ihn nicht erreicht habe und dieser „keinen Bock hatte, ans Telefon zu gehen“. Das wäre eigentlich ein guter Schluß des Films gewesen. Den unkonventionellen Cut wollte Klaus Lemke nicht so stehen lassen. Der Böse, der im nächsten Projekt als Vampir gehen könnte, kriegt dann doch einen weichgespülten Auftritt. Beim Verbeugen vergleicht Klaus Lemke sein Front-Girl Judith Paus mit Cleo Kretschmer, seiner Lebensgefährtin mit der Sofa-Figur aus der erotischen Steinzeit. Das ist wohl ein Aussetzer.

Eine Premienfeier gibt es nicht. KL müsse früh aufstehen, schneiden und drehen. Das Filmvölkchen verdünnt sich, taucht in die Maxvorstadt-Nacht. Ein Insider behauptet allerdings anderntags, dass Klaus noch eine Mikro-Party geschmissen hat. Vielleicht winzig aus Budgetgründen.