DIE KÖNIGIN VON MÜNCHEN

"Golden Globe" für Freddie Mercury-Darsteller Rami Malek, hier mit den "Queen"-Musikern Brian May und Roger Taylor.
"Golden Globe" für Freddie Mercury-Darsteller Rami Malek, hier mit den "Queen"-Musikern Brian May und Roger Taylor.
Freddie Mercurys Schwester vor seinem Konterfei in Bombay.
Freddie Mercurys Schwester vor seinem Konterfei in Bombay.

München - Wie sähe er heute wohl aus? Wahrscheinlich ein gepflegter Herr im feinen Anzug, ganz anders als in den Achtzigern. Freddie Mercury, der vor 28 Jahren starb, wäre jetzt 73 Jahre alt. Es gab inzwischen Briefmarken und Statuen und bereits ein Musical über ihn. Für ein paar Jahre war er die Königin von München. Jetzt ist brandaktuell noch ein bewegtes Mercury-Denkmal entstanden mit dem Film „Bohemien Rhapsodie“, der gerade mit zwei „Golden Globes“ ausgezeichnet wurde – bester Film und bester Hauptdarsteller Rami Malek, der Freddie schauspielerisch faszinierend zum Leben geküsst hat. Michael Graeter erinnert an die Münchner Zeit des „Queen“-Sängers, ein Artikel, der anlässlich des 60. Geburtstags in der FAZ erschienen ist

Wie vom Himmel gefallen saß er plötzlich da - und würde heute mit seinen dunklen Haaren und den durchdringenden schwarzen Augen am ehesten an Johnny Depp in der tRolle des Karibik-Piraten erinnern. Es war im „Frisco“, einer zaunlattenschmalen Münchener Bar ganz in der Nähe des Sendlinger Tores. Das Lokal heißt heute „Padres“ und befindet sich am äußersten Zipfel des umtriebigen Glockenbachviertels, das mit seinen leicht verstaubten Jugendstilfassaden und den vielen Madonnenskulpturen schon immer das beliebteste Ausgehviertel der Schwulenszene war. Damals, Mitte der achtziger Jahre, habe ich es allerdings etwas bunter in Erinnerung, schriller und unbekümmerter als heute - jedenfalls kein Vergleich zum vielgerühmten Schwabing. Der Chef vom „Frisco“, Nicki Holzapfel, war gleichzeitig Besitzer des Hauses und lächelte wie immer besonders jovial, wenn sich ein neuer Gast in sein Lokal verirrte. Dabei hatte er nicht die blasseste Ahnung, wer der schnauzbärtige Typ da vor ihm überhaupt war. Seine Kellner ahnten es aber bereits und flüsterten es Nicki hinter dem Tresen diskret zu: Farrokh Bulsara, besser bekannt als Freddie Mercury, der charismatische Anführer und Sänger von „Queen“.

Denn trotz aller Exaltiertheit: Der unbekannte Neue benahm sich schon damals äußerst höflich und erhob sich immer von seinem Platz, wenn sich eine Dame neben ihn an die Bar setzte. Dabei brachte er sein schönstes Lächeln zum Vorschein und ließ eine Reihe makellos weißer Zähne aufblitzen. Er wirkte auf Anhieb nett, war aber überraschend schüchtern. Mercury hielt sich 1983 erst seit ein paar Tagen in der Stadt auf. Nach München hatte ihn das „Musicland“ gelockt, jenes sagenumwobene Plattenstudio im Souterrain der Single-Hochburg „Arabellahaus“. Das technische Wunderwerk hatten vor ihm schon Mick Jagger und die anderen Stones entdeckt - wie Freddie Mercury waren sie vom hohen Standard des gesamten Equipments fasziniert gewesen. Das „Musicland“ ist auch längst Geschichte: Irgendwann wurde der Betrieb eingestellt, als die U-Bahn zum Arabellapark gebaut wurde und die zwar leichten, aber beständigen Erschütterungen den perfekten Musikaufnahmen ein Ende setzten.


Freddie war ganz besessen vom „Musicland“. Nach getaner Arbeit ging er spät abends mit seinem treuen Bodyguard Fibi regelmäßig ins „Frisco“, das er eher zufällig entdeckt hatte. Es dauerte nicht lange, da hatte Barbara Valentin Freddies Fährte aufgenommen. Die Fassbinder-Schauspielerin, mit bürgerlichem Namen Ursula Ledersteger, war ein echtes Vollweib und galt in der soften Männerszene als eine Art Maskottchen. „Bärbel“ nannte man sie, und Bärbel ließ sich die Chance natürlich nicht entgehen, in die Nähe des Superstars zu kommen. Also tauchte sie prompt im „Frisco“ auf und hatte wie üblich Franz Prost im Schlepptau, die Seele der „Deutschen Eiche“ - des Epizentrums der damaligen Schwulenbewegung. Der Franz hatte ein breites Kreuz und konnte, wie man so sagt, richtig hinlangen. Heute, wesentlich schlanker geworden, betreibt er das Vierzig-Plätze-Lokal „Zum Franz“ mit Blick auf den Glockenbach.


Barbara, Franz und Freddie verstanden sich jedenfalls auf Anhieb und zogen gleich nach den ersten paar Gin Tonics gemeinsam um die Häuser. Zuerst tauchten sie in Anni Neumanns Keller-Dancing „New York“ ein, das sich am Anfang der Thalkirchnerstraße etabliert hatte und ein beliebter Gay-Treffpunkt war. Barbara Valentin und Franz Prost gaben sich als Fremdenführer alle Mühe und machten Freddie Mercury mit sämtlichen In-Plätzen des Glockenbachviertels bekannt. Er fand schnell Gefallen daran, denn obwohl die weißblaue Schwulenszene kaum mit der von London vergleichbar war, kam die schnauzbärtige „Queen“ von da an lieber nach München. Das Bayerisch-Bacchantische zog ihn offenbar an.

Zuerst logierte Freddie sogar bei Barbara Valentin zu Hause, die im Theaterviertel an der Stollbergstraße wohnte und ohnehin bekannt dafür war, den verrücktesten Gästen eine Bleibe zu bieten (längere Zeit fand sogar ein Polizist Asyl bei der großzügigen Bärbel). Nach der ersten Nacht bei Barbara vermachte Mercury ihr seine schwarze Lederjacke, auf deren Rücken mit funkelnden Glassteinen das Wort „Queen“ geschrieben stand: eine unglaubliche Trophäe! Allerdings ging es in der Valentinschen Wohnung zu wie im Taubenschlag, die Besucher kannten keine Uhrzeit. Freddie, der ja durchaus auch ein disziplinierter und empfindsamer Künstler war, wurde das ständige Kommen und Gehen dann irgendwann zu bunt, und so fand er in der Nachbarschaft, im „Stollberg Plaza“, bald ein eigenes Zuhause.

Freddie war in seinen Münchener Tagen sehr muskulös, und er liebte es natürlich, seinen Körper im engen Feinripp-Unterhemd zu präsentieren. Für den biederen Durchschnittsbayern wirkte dieses Outfit allerdings eher wie eine Maurerkluft, und in genau diesem Aufzug erschien der unbekümmert-eitle Freddie eines schönen Abends im luxuriösen Restaurant „Käfer“. Dem Geschäftsführer Hase standen die Haare zu Berge, und der sturmerprobte Maitre, den so schnell nichts aus der Ruhe brachte, echauffierte sich: „Das geht doch nicht, der Mann an Tisch 13 muß ein Jackett tragen!“ Zum Glück gab es noch die Directrice und ehemalige „Pam Pam“- Wirtin Lis Lender: Ihr gelang es, Herrn Hase zu bremsen, der natürlich keine Ahnung hatte, daß sich gerade ein Superstar in sein feines Etablissement verirrt hatte. Freddie Mercury wurde dennoch Stammgast bei Käfer.

Nach einem Bummel durch die einschlägigen Lokale „Nil“ und „Teddy Bar“ lief dem begeisterten Wahl-Münchener eines Abends im inzwischen sehr angesagten „New York“ dann sogar die große Liebe über den Weg. Es war der eher bürgerlich wirkende Lokalbesitzer Winfried Kirchberger, der das „Sebastianseck“ in der Nähe der heutigen „Schranne“ betrieb. Auch Kirchberger ist längst tot - dahingerafft von der gleichen Krankheit, an der auch Freddie Mercury im November 1991 starb. Mit „Winnie“ durchlebte der Queen-Boss wahrscheinlich eine der leidenschaftlichsten Zeiten seines Lebens, ihm schenkte er sogar ein Appartement an der Pestalozzistraße. Winnie war zwar ein wenig spießig, aber die auf Sansibar geborene Super-Diva Freddie Mercury war ganz versessen auf die rustikale Männerfigur aus München. Gemeinsam fuhren die beiden im 500er Mercedes-Coupe zum „Ochsengarten“, der legendären Leder-Hochburg, die bis heute die Nappa-Jünglinge in ihren Bann zieht. Nur die Badewanne auf der Herrentoilette ist inzwischen verschwunden, in die Mercury ausgelassen hineinsprang, ein Glas nach dem anderen kippte, die Linien wegzog und wildfremde Gäste zum Mitmachen und "Anmachen" mit Natursekt animierte.


Das Fest anläßlich seines vierzigsten Geburtstags im „Henderson“ ist mir immer noch als die exzentrischste Party des Jahres 1986 in Erinnerung. Der heutige „Paradiso“, dessen vergammelte Säulen noch von damals stammen, war für diese lange Nacht ganz in Weiß dekoriert worden. Der „Dom Perignon rose“ zum Flaschenpreis von 600 Mark floß in Strömen, während die Servicekräfte vom „Käfer“ unaufhörlich Kaviar aus der 1,8-Kilo-Dose dazu verteilten. Freddie selbst war mit einer Schar Londoner Freunde erschienen, darunter der Gruppe „Frankie goes to Hollywood“. Alle hatten sie ihre Hosenböden herzförmig ausgeschnitten und die blanken Hinterteile mit Lippenstift bemalt. Barbara Valentin konkurrierte an der rückwärtigen Stelle mit einer Rose.


Obwohl eigentlich Freddies Geburtstag gefeiert wurde, bekam Winnie einen 2,5-karätigen Brillantring geschenkt, den er sich allerdings wieder vom Finger riß, als es plötzlich zum Streit zwischen den beiden kam. Das 20 000 Mark teure Schmuckstück kullerte zu Boden und ward nie mehr gefunden (zumindest nicht von seinem Besitzer). Es war sowieso nicht Freddies Abend, denn irgend jemand hatte ihm irgend etwas in den Drink gekippt, und das Geburtstagskind erlitt arge Schlagseite. Kurz zuvor waren noch mehrere Kameras an der Decke entlang geschwebt: für Filmaufnahmen zum neuen Queen-Song „Living on my own“. Im entsprechenden Video ist das wilde Treiben tatsächlich verewigt.


Als wenig später der Sensenmann durchs Glockenbachviertel ging und einen nach dem anderen mitnahm, kam Freddie Mercury immer seltener nach München. Barbara Valentin flog dafür öfter nach London. Ihr hatte er noch ein Appartement an der Hans-Sachs-Straße gleich neben dem „Nil“ geschenkt - die Rollos wurden seit Valentins Tod nicht mehr hochgezogen.

In meinem privaten Archiv fand ich unlängst eine alte Weihnachtskarte mit handgeschriebenen Wünschen von Freddie und Barbara. Für einen kurzen Moment sah ich die beiden vor mir - so fröhlich und ausgelassen wie damals. Bärbel liegt seit Februar 2002 auf dem Münchner Ostfriedhof, ganz hinten bei den neuen Gräbern in der Nachbarschaft von Rex Gildos letzter Ruhestätte.