DIE SEELE IM MÜNCHNER KÄFER-REICH SAGTE LEISE SERVUS

MÜNCHEN - Obwohl München einen äußerst frühlingshaften November-Tag mit blauem Himmel verzeichnet, verläuft die Mittagsstunde äußerst traurig. Ein bunter Zeitgenosse, der über 40 Jahre lang im Leckerbissen-Palazzo Käfer das dolce Vita für die Schönen, Reichen und Sorglosen in Gang hielt, hat sich für immer abgemeldet. Auf eigenen Wunsch.

Siegfried Ludwig Gläser, für Jahrzehnte die angestellte Seele im Feinkostladen in der Prinzregentenstrasse, hat es wohl nicht verschmerzen können, dass sein Herr und Lehrmeister Gerd Käfer vor ein paar Wochen mit 82 Lenzen zu den Engeln eilte. Hummer-Hannibal Sigi fremdelte wohl ohne ihn. Letzte Woche, nach einem hitzigen Abendessen in einem Restaurant in der Reichenbachstrasse, muss sich der Gastro-Alleskönner etwas sehr zu Herzen genommen haben, der einmal für drei Jahre mit der leidenschaftlichen, aber kaum geforderten Millionärin Ella verheiratet war, und glücklich mit Freund Gregor und Hündchen Resie lebte. Beide sind in den letzten Stunden bei ihm, ohne zu wissen, dass es die letzten Stunden gewesen sind. Wieder-Single Gläser schluckt anschließend daheim ein halbe Apotheke Tabletten und man findet die Frohnatur tot in seiner Wohnung. Noch letzte Woche hatte er einen Termin beim Schönheitschirurgen bestellt, um lästiges Fett absaugen zu lassen. Also zog er ganz überraschend die Reißleine.

In der nüchternen Kirche St. Maximilian gleich an der Isar, die durch gepolstertes Gestühl mit bequemsten Kirchenbänken der Stadt auffällt, aber mit der Einrichtung im Look eines Betonwerks schockt, spricht Vatikans nördlichster Rebell-Priester Rainer-Maria Schießler die "Tabletten" von Sigi an. Freitod war ein Tabuthema bislang in einer Kirche, ein No-Go. "Wir haben gelernt, dass man nicht über den Tod hinaus diskriminiert werden muss und wir nicht mehr über Leichen gehen, wenn einer den Tod selbst sucht. Selbstmord ist ein ganz falsches Wort, weil es mit Mord nichts zu tun hat. Es ist weder heimtückisch, noch geschieht es aus niederen Beweggründen", sagt der Gottesvertreter, der zwei Kirchen ( neben St. Maximilian auch Heilig Geist) betreut und, modern wie er ist, sich eine feste Freundin ( multitask auch in seinem Büro) leistet.

Rund 250 Trauergäste mit Feinkost-Großunternehmer Michael Käfer und seine Frau Clarissa an der Spitze sind gekommen, viel Käfer-Kundschaft und Gläsers langjährige Kollegen. Als ein Gospelsänger auftritt, bellt Sigis Hund, der vor dem Altar liegt, kurz und hell. Die Trauerrede hält "Deutsche Eiche"-Co-Chef Sepp Sattler, der (ganz ungewohnt) im dunkelblauen Einreiher wie ein feiner Herr wirkt, und erinnert als Hausherr an die Tage, als Sigi noch Mieter in dessen Glockenbach-Anwesen war. Dann steht er mit dem Priester zusammen und man lädt Trauernde wie "Triumph"-Erbin Sylvia Fetzer mit zeitlos jugendlichen Ehemann, Konzert-Veranstalter Mario Mendrzycki, die legendäre "La Cave"-Nachtorchidee Mecky, Markt-Sprecherin Elke C. Fett ("Viktualienmarkt" jetzt Kulturerbe) zu Weißwürsten und Leberkäs ins benachbarte "Maximilian's".

Von Woody Allen und Bohlen und Halbach über Finck und Flick bis zu Franco Zeffirelli - Käfer-Jünger Gläser kannte sie alle. Und sie kannten ihn - weniger vom Familiennamen her, mehr von seiner äquivalenten Präsenz im Münchner Käfer-Reich. Seit über 40 Jahren agierte Sigi als smarter Dirigent das Schlaraffenland. Bescheiden und diskret, wie er war, Als sein rundes Jubiläum gefeiert wird, hängt er die Auszeichnung nicht an die grosse Glocke.

1972 machte der Vollblut-Gastronom die Lehre und war zwölf Jahre Chef der Fischabteilung, der zusammen mit Feinkost-Experte Helmut Käfer in Paris die Ware kaufte. Erst arbeitete er unter "Oma" Else Käfer, dann unter Gerd und später bei Michael - und er galt als eine der grössten Stützen des Hauses. Single Sigi war immer da, sorgte als leibhaftiger "Käfer" unermüdlich dafür, dass alles flutschte und die eigenwilligsten Wünsche vom Mund der verwöhnten Kundschaft abgelesen wurde. Unter seiner Führung wurde eingeführt, dass dem Klientel die vollen Tüten an den Wagenschlag gebracht wurde.

Der Privatmensch Gläser, der sich kaum Freizeit genehmigte, liebte Schweinsbraten und Augustiner und wohnte am Pariser Platz. Sein Cabrio Peugeot 304 hatte er stillgelegt. Sigi fuhr Rad oder Vespa oder, wenn er mit Resie, seinem Malteser-Hündchen, unterwegs war, mit einem italienischen Dreirad-Mobil, wie sie als Werbefahrzeuge vor dem Käfer-Laden herumstanden. Kürzlich kaufte er sich noch einen Oldtimer-Floh "Fiat 500" für 6000 Euro.
Fröhliche Tage bis vor wenigen Tagen: Gourmet-Spezialist Sigi Gläser (l.) zu Besuch bei Georg Graf Enzenberg  ( mitte) in Südtirol. Rechts: Freund Gregor und Markt-Sprecherin Elke C. Fett ("Viktualienmarkt")
Rebell-Priester von München: Rainer-Maria Schießler  - ganz in rot - bei einer Prozession durch München